Samstag, 8. Dezember 2012

Noch einmal zum Thema Zensur

In der jüngsten Ausgabe des CIRCULARE (4/2012) nimmt Dr. Wolfgang Pietsch zur Zensur im heurigen IANUS Stellung und erläutert die Gründe für seinen Rücktritt vom Amt des Schriftleiters.
In Anbetracht der Tatsache, dass der SODALITAS-Vorstand nach wie vor behauptet, meine diesbezüglichen Vorwürfe seien frei erfunden, Koll. Pietsch hätte sein Amt im heurigen Sommer ohnehin zurücklegen wollen u.dgl., scheint mir dieser Text besonders wichtig.

Der Text von Herrn Dr. Pietsch ist auf folgendem Link nachzulesen (Seite 19 im aktuellen CIRCULARE):

http://www.schule.at/fileadmin/DAM/Gegenstandsportale/Latein/Dateien/Circulare_2012_4.pdf

Christian Goldstern, Wien

Montag, 3. September 2012

Kritische Überlegungen zur neuen Matura

Matura neu, Schularbeiten neu – kritische Betrachtungen aus der Praxis

Praefatio: Worum geht es?
Caput primum: Ist Diskussion zulässig?
Caput alterum: Prüfen wir, was wir lehren?
Caput tertium: Wie sinnvoll ist die Trennung in ÜT und IT?
Caput quartum: Probleme beim IT
Caput quintum: Muss man bei Schularbeiten wirklich Fragen im Maturastil stellen?
Caput sextum: Wie praktikabel ist das neue Beurteilungssystem?
Caput septimum: Ist das neue Beurteilungssystem im Anfangsunterricht überhaupt sinnvoll?
Conclusio: Eine Diskussion ist dringend nötig.


Praefatio
Dass die neue „Standardisierte Reifeprüfung“, die rebus sic stantibus [1] ab 2015 in ganz Österreich stattfinden wird, unter den Lehrern [2] aller Fächer für große Unruhe sorgt, ist allgemein bekannt. Wer in die Konferenzzimmer hineinhorcht, wird feststellen, dass die Diskussionen unter Mathematikern und unter „Lateinern“ besonders intensiv sind. Welche die wesentlichen Problempunkte im Fach Latein [3] sind und wie damit umgegangen wird, soll in diesem Text kurz analysiert werden.

Caput primum
Der vielleicht am meisten kritisierte Aspekt der ganzen Einführung ist die Art, wie „von oben“ vorgegangen wird. Obwohl die Arbeiten und die Diskussionen seit Jahren im Gange sind, war es bisher nicht möglich, die Neuerungen wirklich öffentlich zu diskutieren. Der naheliegende Vorschlag, eine breite Diskussion im CIRCULARE, der quartalsmäßig erscheinenden und von allen Mitgliedern finanzierten Publikation der SODALITAS, zu initiieren, wurde von der Redaktion des CIRCULARE bereits im Oktober 2010 abgelehnt: regelmäßige Information von Seiten der Arbeitsgruppe – ja, Diskussion der Ergebnisse – nein. Auch Kollege Glatz von der oberösterreichischen Online-Plattform latein.edugroup.at lehnte eine öffentliche Diskussion ab. [4] Natürlich gab es in allen Bundesländern die Treffen der Arbeitsgemeinschaften, aber abgesehen davon, dass auch diese nicht wirklich miteinander vernetzt sind, wurde auch bei solchen Veranstaltungen meist darauf geachtet, das Plenum kurz zu halten und die Diskussionen in Arbeitsgruppen abzuschieben. Das Motto Divide et impera muss man einem Lateiner nicht erst erklären. Dass der IANUS sich dieser Diskussion nun stellt, sei daher besonders positiv hervorgehoben. [5]

Caput alterum
Zu betonen ist, dass die Idee, die Alten Sprachen in die zentrale standardisierte Reifeprüfung zu integrieren, klarerweise unbedingt zu unterstützen ist, weil sie – in Form eines Washback-Effekts – den Unterricht in Latein und Griechisch extrem aufwertet. Dennoch oder gerade deswegen wäre es natürlich besonders wichtig, dass die Reifeprüfung vom Unterrichtsalltag nicht allzu weit entfernt ist. Dieses Problem haben im Prinzip alle Fächer; sogar die Anglisten, deren Matura bereits am weitesten fortgeschritten ist, kämpfen damit, und dass das auch in Mathematik ein bisher ungelöstes Problem ist, war sogar den Medien zu entnehmen. Wie Latein mit diesem Aspekt umgeht, wird noch zu untersuchen sein.

Caput tertium
Die erste große Neuerung ist die Teilung der Aufgabenbereiche in ÜT und IT. Natürlich, die Idee dahinter ist es, schwache Schüler nicht „doppelt“ zu bestrafen: Wer bisher mit der Übersetzung Schwierigkeiten hatte, konnte mit den Interpretationsfragen erst recht wenig anfangen. Auf den ersten Blick scheint die Idee also naheliegend. Andererseits aber spricht auch einiges gegen diese strikte Trennung. Ist es nicht eines der wichtigsten Ziele eines erfolgreichen Lateinunterrichts, zu erreichen, dass die Schüler eben genau diese beiden Aspekte, nämlich Übersetzung und Interpretation, integrieren? Blicken wir nicht alle mit Kopfschütteln auf den Lateinunterricht früherer Zeiten, als man einen Text nur übersetzen musste – und damit war die Aufgabe bereits zufriedenstellend erfüllt? Wäre dieses Ineinandergreifen von Übersetzung und Interpretation nicht als eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Kompetenz eines Lateinschülers zu bezeichnen?
Es ist davon auszugehen, dass die Arbeitsgruppe, die sich wissenschaftlich mit diesen Fragen beschäftigt, auch einen Blick über die Grenzen in Länder geworfen hat, wo es seit Jahren zentrale Fragestellungen bei Abschlussprüfungen gibt. Wie weit haben diese Kollegen geschaut? In Bayern beispielsweise, wo der Lateinunterricht bekanntlich besonders floriert und in hohem Ruf steht, findet sich beim Abitur genau dieses Aufgabenformat. [6] Die Aufgaben beginnen mit den Worten „Übersetze“, „Erläutere“, „Begründe“ und „Erörtere“ – und alle Fragen beziehen sich auf den selben Text/die selben Texte!

Caput quartum
Vor allem die Aufgabenstellungen im Bereich IT sind eine nähere Untersuchung wert. Bereits der Begriff „Interpretation“ wird offensichtlich weiter gefasst, als es bisher üblich war. Denn hat es tatsächlich etwas mit „Interpretation“ zu tun, wenn man beispielsweise zu gegebenen Fremdwörtern (die man nicht einmal verstehen muss!!) das Ausgangswort im lateinischen Text zu suchen hat? Aber dies nur am Rande. Dann gibt es Aufgaben, die man tatsächlich als „Interpretation“ im Sinne von „Textanalyse“ bezeichnen kann, also z.B. das Gliedern einer Stelle, das Paraphrasieren oder das Finden einer Überschrift. Das Problem bei dieser Art der Aufgabenstellung allerdings ist, dass sie ein bisschen unehrlich ist – wirklich lösen kann ein Schüler solche Aufgaben nämlich nur dann, wenn er zumindest eine Rohübersetzung von der Stelle angefertigt hat. Also doch wieder Übersetzen – nur eben ohne die Übersetzung zu beurteilen? Klingt – wieder! – nach einer halben Sache.
Anders gelagert ist die Problematik bei geschlossenen Aufgabenstellungen (multiple choice), wo der Schüler z.B. einzelne Begriffe zu einem Aufgabenfeld finden muss. Bei den ersten Beispielen, die auf der bifie-Seite veröffentlicht wurden, trauten viele ihren Augen nicht: Da mussten beispielsweise (es ging um einen Text aus der Zeit Karls des Großen) vier Begriffe zum Thema Essen gefunden werden – von denen drei in den Anmerkungen (also auf lateinisch und deutsch!) vorkamen. Zugegeben, das war „nur“ ein Beispiel für eine Schularbeit; dennoch fragt man sich: Wenn sogar die anerkannten Spezialisten nach sorgfältigem Suchen und Abwägen so etwas produzieren, wie soll ein „gewöhnlicher“ Lehrer, der pro Jahr vielleicht 20 Schularbeiten zusammenstellen muss, je eine Schularbeitsstelle finden, zu der er derartige Fragen (sinnvoll) stellen kann?

Caput quintum
Damit ist bereits das Stichwort für ein weiteres Problem gefallen, das unter der Kollegenschaft für besonders viel Unmut gesorgt hat und nach wie vor sorgt: die Schularbeiten. Es versteht sich, dass Schüler allmählich zu den bei der Reifeprüfung zu erwartenden Aufgabenformaten hingeführt werden müssen. Potenzielle Maturakandidaten müssen mit den typischen Fragestellungen vertraut gemacht werden. Das steht außer Diskussion. Aber heißt das wirklich, dass man ab Beginn der Lektürephase jede Schularbeit bereits genau nach dem für die Matura vorgegebenen System (also ÜT und IT mit der vorgegebenen Gewichtung) gestalten muss? Das Ziel ist es doch, so lesen wir allüberall, den Schülern bestimmte Kompetenzen zu vermitteln. Jeder Lehrer, das wage ich zu sagen, betreibt in seinem Unterricht z.B. Fremdwortkunde und Etymologie, und zwar meist in sinnvollerer Form, als es bei den bisher veröffentlichten Maturabeispielen [7] vorgeführt wurde. Wenn man so einen Schüler dann im letzten Jahr mit der Fragestellung vertraut macht, wird er sich zwar vielleicht wundern, wie trivial diese ist, aber Schwierigkeiten wird sie ihm nicht bereiten, auch wenn er ihr bei einer Schularbeit nie begegnet ist.
Ein weiteres Problem der im „Consensus novissimus“ (Juli 2011) veröffentlichten Richtlinien ist die Formulierung, dass in der Kurzform im zweiten Lernjahr die „letzte Schularbeit wie eine Schularbeit der Lektürephase zu gestalten ist“. Dieser Vorschlag ist ein wenig ermutigendes Beispiel dafür, wie weit die Mitglieder der Arbeitsgruppe von der Realität des Lateinunterrichts entfernt sind. Auch wenn der Lehrplan es nahelegt, ist es kaum jemandem möglich, mit einer Klasse so weit zu kommen, dass dieses Ziel auch nur annähernd erreichbar ist.

Caput sextum
Besonders großen Widerstand rief das Beurteilungssystem hervor (Stichwort Checkpoints). Dass dieses noch völlig unausgereift ist und zahlreiche Schwachpunkte hat, dürfte auch den Erfindern bekannt sein, weshalb gerade bei diesem Thema jede Diskussion sofort im Keim erstickt wird.
Auch hier gilt zunächst das, was bereits oben gesagt wurde: Selbst wenn dieses System (vermutlich doch noch leicht verändert) für die Matura anzuwenden ist, ist nicht einzusehen, warum es deswegen auch bei allen Schularbeiten eingesetzt werden soll. Es gilt das gleiche Argument wie oben: Einem Schüler werden Kompetenzen vermittelt – und diese Kompetenzen (z.B. das Übersetzen eines lateinischen Textes in korrektes Deutsch) sind unabhängig vom Bewertungssystem, nach dem die Arbeit bewertet wird.
Die Probleme, die jedem bekannt sind, der einmal versucht hat, das System anzuwenden, seien hier nur in Stichworten zusammengefasst:
1. Eine Sprache, vor allem ein lateinischer Text, lässt sich nun einmal nicht in ein Prokrustes-Bett zwängen. Natürlich gibt es Texte, auf die die geforderten zwölf Sinneinheiten perfekt passen – bei vielen anderen (potenziellen Schularbeitsstellen) wird das aber nicht zutreffen. Somit wird die Arbeit des Lehrers, der eine geeignete Schularbeitsstelle sucht, enorm erschwert.
2. Durch die Teilung in Sinneinheiten und drei verschiedene Checkpoint-Sorten wird genau das erreicht, was man durch dieses System vermeiden möchte, nämlich eine „doppelte Bestrafung“. Das Ne bis in idem wird sehr oft eben nicht vermieden: Wer eine Sinneinheit nicht erfasst, wird dann beim Checkpoint einen weiteren Punkt verlieren.
3. Andererseits kann ein Schüler, der keine einzige Sinneinheit richtig hat, trotzdem eine erkleckliche Anzahl von Punkten erreichen – ist das wirklich eine Kompetenz, die wir anstreben?
4. Die Punktevergabe für die Qualität in der Zielsprache ist zu begrüßen. (Viele Kollegen taten das auch schon bisher mit ihren Beurteilungssystemen.) Warum es da aber nur drei Kategorien gibt, bleibt unverständlich. Man könnte sich durchaus eine Skala von 0 bis 6, also eine Abstufung sowohl guter als auch schlechter Leistungen im Bereich der deutschen Sprache vorstellen.

Caput septimum
Alles bisher Gesagte zum Beurteilungssystem bezog sich, wohlgemerkt, vor allem auf die Probleme, die auftreten, wenn man dieses System für Schularbeiten im Lektüre-Unterricht verwendet. Dass die Checkpoints nämlich für den Anfangsunterricht komplett ungeeignet sind, steht außer Streit. Interessanterweise wird dies sogar von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe zugestanden – wenn auch immer nur off the record und mit dem Zusatz, geändert werde trotzdem nichts daran (womit wir ringkompositionsartig wieder bei unserem Anfang sind: Sachliche Einwände sind unerwünscht). Trotz der mittlerweile bereits großen Zahl an online veröffentlichten Schularbeitsbeispielen (schade, dass diese offenbar auch schon vielen Schülern bekannt sind!) gibt es noch keinen einzigen Text, in dem, um nur ein Beispiel zu nennen, bei einer ersten Schularbeit des ersten Lernjahres sechs sinnvolle Syntax-Checkpoints gesetzt wurden. Das ist natürlich nicht verwunderlich: Es geht einfach nicht. Folgerung: Eine Unterscheidung des Beurteilungssystems nach Anfangs- und Lektüre-Unterricht wäre eines der wichtigsten Desiderate.

Conclusio
Man hat den Verdacht, dass das, was das Ministerium vorexerziert, auf der Ebene der Arbeitsgruppe nachvollzogen wird. Eine an sich gute Idee (nochmals: die Zentralmatura, auch in Latein, ist unbedingt zu begrüßen) wird in einen zu knappen zeitlichen Rahmen gestellt und dann mit einem ordentlichen Schuss Hurra-Patriotismus durchgepeitscht. Für Einwände, Argumente, Vorschläge kritischer Beobachter – zumal aus der Lehrerschaft, die das Ganze dann zu exekutieren hat – ist kein Raum und darf es keinen Raum geben. Omnia ad maiorem gloriam centralis maturitatis??



Anmerkungen
1 Seit der vielseits erhofften, dann aber doch eher überraschenden Ankündigung der Ministerin, die Zentralmatura um ein Jahr zu verschieben, ist – jedenfalls zu Redaktionsschluss – davon auszugehen, dass die meisten Schulen das neue System erst 2015 anwenden werden.
2 Alle Personenbezeichnungen in diesem Text sind grundsätzlich geschlechtsneutral zu verstehen. Aus Gründen der Lesbarkeit wurde auf ein Gendern verzichtet.
3 Wenn in diesem Text von Latein die Rede ist, ist die völlig analoge Situation in Griechisch stets mit zu verstehen.
4 Nach Lektüre dieses Blogs legt Kollege Glatz Wert auf die Feststellung, dass er "nur eine öffentliche Diskussion über digitale Medien (speziell die erwähnte Plattform) für nicht zielführend" erachtete und auch weiterhin erachtet, "den üblichen demokratischen – somit auch öffentlichen – Weg" aber sehr wohl. Für eine Klärung der Frage, warum eine öffentliche Diskussion über digitale Medien nicht geeignet sei, empfiehlt der Autor, sich direkt an Kollegen Glatz zu wenden.
5 Soweit der ursprüngliche Text. Warum dieser dann doch nicht im IANUS erscheinen durfte und statt dessen hier online nachzulesen ist, wird im Beitrag "IANUS wird zensuriert – Schriftleiter und Gründer treten zurück" erklärt: http://lateinmatura.twoday.net/stories/ianus-wird-zensuriert-schriftleiter-und-gruender-treten-zurueck/
6 http://www.isb.bayern.de/isb/index.asp?MNav=0&QNav=5&TNav=1&INav=0&Pub=1272
7 Für die Beantwortung der Frage, von welchem Wort im IT das Wort „famos“ kommt (im Text kommt die Form famosarum vor) braucht ein Schüler genau NULL Lateinstunden. Es genügt, wenn er lesen kann. Auch der von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe gerne zitierte MKS (minimal kompetente Schüler – welch ingeniös doppeldeutige Wortschöpfung!) kann diese Form der Fragestellung (sie ist dem ersten österreichweit publizierten Beispiel entnommen) nicht rechtfertigen.

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